Globales Kunstforum

Trading Places

KUNST AFRIKA, Ausgabe 08.

 

Farah Al Qasimi vom GAF11 beauftragte DRAGON! Serie, 2017

 

So eng es auch war, die Straße in jedem muslimischen Land war immer sehr lebhaft - ein ständiger Treffpunkt für Menschen, die gerne unter freiem Himmel ausgestellt wurden. Es war die wesentliche Arterie, das Rendezvous für Geschichtenerzähler, Unterzeichner, Schlangenbeschwörer, Bergbänke, Heiler, Scharlatane, Friseure und all jene Fachleute, die in den Augen der Moralisten und kanonischen Anwälte des Islam so verdächtig sind.

- Fernand Braudel - Eine Geschichte der Zivilisationen 

 

Braudels lebendige Darstellung des muslimischen Handelszentrums wurde in der globalen Vorstellungskraft gebrandmarkt. Es ist dort in Steven Spielbergs stereotyper Vision der arabischen Welt in seinem Indiana Jones-Franchise, in Edward Saids Kritik am "Orientalismus", in der Vision der Tourismusbranche vom Souk. Was Braudels Vision jedoch besonders fasziniert, ist das Element der List, denn sein Marktplatz ist eine geschmeidige, offene Welt, die auch Moralismus und kanonisches Recht ablehnt.

Der Grund für diese Offenheit liegt im Handel und in der größeren Welt, die er bietet, denn Handel ist nicht nur ein Austausch von Waren und Geld, sondern das Herzstück der Globalisierung.        

       

Keine Zivilisation kann ohne Mobilität überleben: Alle sind bereichert durch Handel und die anregende Wirkung von Fremden. Der Islam zum Beispiel ist ohne die Bewegung seiner Wohnwagen nicht vorstellbar die "trockenen Gebiete" seiner Wüsten und Steppen, ohne seine Expeditionen im Mittelmeer und über den Indischen Ozean bis nach Malakka und China.

 

Braudels Vision von der Integrität von Handel und Zivilisation findet ihren Widerhall im Global Art Forum 2017 in Dubai - GAF - mit dem Titel "Trading Places". Gegenseitigkeit und Bewegung sind für die Gespräche, die das Forum definieren, von wesentlicher Bedeutung. Sein Kommissar Shumon Basar erweitert diese uralte Logik von Handel und Kultur. "Handel ist das Herzstück der Menschheit", schreibt er. „Handel verbindet Menschen auf vielfältige Weise miteinander, gesehen und unsichtbar. Handel kann Zivilisationen und Reiche befeuern. Es kann die Zeit selbst bestimmen. Das Ende des Handels verwandelt sich irgendwo plötzlich in ein Nirgendwo. “

Like any dynamic ecology, trade is fickle. To understand the world, however, to grasp surprising shifts in power and location, means that we must also admit the probability that nothing, finally, lasts, that a thriving nexus can as easily become a hub for ghosts. Hence the need for suppleness and flexibility, the understanding that a place for trade is as real as it is imaginary. “The infrastructure of trade is also a geography of imagination and invention” which is constantly reshaped to redefine one’s sense of place. It is this principle that fuels Dubai and its ‘sibling’ Gulf cities – well aware that oil is unsustainable, that new economies must always come into being.

„Städte, Straßen, Schiffe, Wohnwagen und Pilgerfahrten waren Teil eines Ganzen“, schreibt Braudel. Sie sind "Elemente der Bewegung, alle Kraftlinien im muslimischen Leben. “ Und im Zentrum dieser Bewegung stand der Handel, denn „Handel bedeutete Städte“. Wie Sugata Bose jedoch zu Recht in seinem Buch qualifiziert Hundert Horizonte"Die Überbetonung des Handels hat dazu geführt, dass viel anderes, was damit einherging, insbesondere der Fluss von Ideen und Kultur", "ein kulturelles Milieu ist genauso wichtig ... wie eine Handelszone." In der Tat würde ich argumentieren, dass die durch Handel erzeugte Kultur bei weitem von größerer Bedeutung ist.

If it is the meeting of strangers that is all important – the project of becoming the other of oneself – then it follows that indigeneity had to be rewired and the world reconceived as a fluid nexus of different and interlinked worlds. Which is why Bose notes that “The fortunes and fears of migrant Indian merchants, moneylenders, soldiers, and labourers make it imperative to blend imaginatively the dimensions of economy, politics, and culture in rethinking … an interregional arena in the nineteenth and twentieth centuries.” As for the twenty-first? What new alignments does GAF offer us?

The shift from seafaring to cyberspace? Decolonisation to futurism? An archaeology of past trading routes and their retracing in the present moment? Vectors of indentured labour and mutual dependence between, say, India and the Gulf? The East India Company as the prototypical multinational corporation and global trader? The Silk Road rebooted, reimagined, reworked?  The value of deceleration in a world overdetermined by speed, the better to reinvent oneself within a new set of transactions defined by “relative slowness?” Against the arrogance of purism – creolisation? 

Wenn Dubai als „regionales und globales Zentrum für Kreativität“ rekonstruiert wird und „die kulturelle Identität der Stadt stärken will, um die Kreativwirtschaft voranzutreiben“, muss es sicherlich die kulturellen Konventionen neu bewerten, die einen solchen Schritt weiterhin behindern ? Denn wenn Dubai zu dem werden würde, was es zu werden behauptet, wenn es wirklich versucht, Orte zu tauschen, dann muss das Verlangen - die Wurzel des Reisens und der Neuerfindung - verankert werden. Ein standhaftes und hemmendes kanonisches Gesetz muss lernen, so geschmeidig und offen zu werden wie alle großen Glaubensrichtungen, die durch Pilgerfahrt und Bewegung definiert werden. 

 

Ashraf Jamal ist Schriftsteller, Lehrer und Herausgeber.

 

FORUM 11: HANDELSPLÄTZE. Ob mit technischer Entwicklung oder hysterischer Hybris verbunden, Geschwindigkeit wurde sowohl bewundert als auch mit Argwohn gesehen. Von alten Debatten über Seefahrt und Handel bis zu den heutigen Hoffnungen und Warnungen vor Cyberspace und Robotern; die Auswirkungen der Globalisierung auf die Ortschaften und Zeitbrüche; Von der Entkolonialisierung zum Futurismus durch das, was Stephanie Bailey Übergangszeiten nennt. Sie wurde von Mohammed Salemy, einem beschleunigenden Schriftsteller und Kurator, und Oscar Murillo in einer Diskussion begleitet, die von Oscar Guardiola-Rivera moderiert wurde. Foto: Brendon Bell-Roberts